WHAT IS THIS ALL ABOUT?

logo_berlingestalten_neuUrsprünglich als Berliner Netzwerk gedacht ist es bisher bei meiner Person geblieben. Als studierte Architektin arbeitete ich von 2010 bis 2015 abseits meiner Profession u.a. als Yogalehrerin, Kinderyogalehrerin, Grafikerin und Webdesignerin. Nun zieht es mich seit geraumer Zeit zurück in die Theorie der Architektur. Meine Dissertation „Learning from Japan?“ wirft architekturphilosophische Fragen auf, ich beschäftige mich in diesem Rahmen mit Themen wie der Geschichte japanischer Architektur (besonders der des 20. Jahrhunderts), der Metabolismus-Bewegung, Kisho Kurokawa und seinem symbiotischen Denken und last but not least mit der neuen Generation japanischer Architekten, die sich seit Anfang der 1990er Jahre neu etabliert und dessen innovative Raumkonzeptionen immer wieder Anlass dazu geben, sie zu studieren und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Ausgehend davon werden hier zukünftig kürzere Artikel zu meiner Dissertation erscheinen, zu aktuellen Themen rund um meine wissenschaftliche Arbeit und zu ausgewählter Lektüre.

DISSERTATION: Learning from Japan? Untersuchungen zum symbiotischen Denken Kisho Kurokawas und dessen Bedeutung für Raumkonzepte der neuen Generation japanischer Architektur (der Stadt)

i. Einführung in das Forschungsthema

„Damit die der Irrationalität beraubten, monotonen Städte wieder mit Faszination und Spannung erfüllt werden, brauchen wir die „Poetisierung“ und „Privatisierung“ des städtischen Raumes, aus dem jeder seine eigenen Geschichten schöpfen kann. „Privatisierung“ bedeutet aber nicht einfach, dass die finanziellen Lasten der Regierung in den privaten Sektor verlagert werden: „Privatisierung“ heisst für mich vielmehr, die Faszination der nächtlichen Stadt wiederzuentdecken- private, „erzählende“ Räume im Kontrast zum eintönigen Tagesgeschehen zu schaffen.“ (Kurokawa, 2005, S.73)

Die Metabolisten, eine Gruppe japanischer Architekten, Designer und Stadtplaner, formierten sich Ende der 1950er Jahre, in einer Zeit in der sich der CIAM (dt.: Internationale Kongresse Moderner Architektur) offiziell verabschiedete und die Moderne ins Wanken geriet. Unter der Schirmherrschaft Kenzo Tanges legten sie 1960 auf der World Design Conference in Tokio ihr Manifest Metabolism. The Proposals for New Urbanism der Öffentlichkeit offen. Zentrale Idee dieser Bewegung war es, den organischen Lebenszyklus von Geburt, Wachstum und Zerstörung, den Metabolismus, auf die Architektur und den Städtebau zu übertragen. Diese sehr zukunftsorientierten Köpfe mit ihren durchaus revolutionären und gleichzeitig innovativen Konzepten war die erste japanische Architektengeneration, die auch internationales Gehör fand und die Architekturströmung derzeit durchaus beeinflusste.
„Japan, which so far was striven to reach the same level of West in most of the field of Culture, Technology, Science, a run started 100 years before, suddenly found itself in the field of architecture, for the first time, as “master” for the western countries“ (Pernice, 2004, S.361). Der bekannte Architekturtheoretiker Charles Jencks zeigt in seinem Werk The Language of Post-modern Architecture, welches 1977 das erste Mal aufgelegt wurde, viele japanische Projekte als Anschauungsmaterial für seine Überlegungen (Urban, 2012, S.89).
Kisho Kurokawa, dessen Capsule Tower bei Jencks ebenfalls aufgeführt wird und als eines der bekanntesten Gebäude zählt, das die Prinzipien des Metabolismus verkörpert, war Philosoph und Architekt zugleich und einer der Mitglieder der Bewegung. Er entwarf die Philosophie der Symbiosis, welche auf buddhistischem Gedankengut beruht und verbindet darin Gegensätze wie u.a. Tradition und Modernität. Anders als im dualistischen Denken der europäischen westlichen Kultur und der bipolaren Deutung der Welt, geht es in Kurokawas symbiotischen Denken vielmehr um die Verständigung beider sich gegenüberstehender Pole. Ein „vermittelnder Bereich“, ein Raum des Dazwischen (ma), bleibt weitgehend undefiniert und sieht keine klare Trennung beider konträrer Aspekte vor. Kurokawa nennt im architektonischen Maßstab die japanische Veranda (engawa), im städtebaulichen die Straße (michi) als solch vermittelnde Bereiche (Kurokawa, 2005).
Seit Anfang der 1990er Jahre etabliert sich in Japan eine neue Architektengeneration, die in vielerlei Hinsicht ein neues Selbstverständnis mit sich bringt, sich aber dennoch auch wieder auf ihre Tradition bezieht. So werden Begriffe wie der „Metabolismus“ aufgegriffen und auch der von Kurokawa thematisierte „Zwischenraum“ erfährt neue Interpretationen. Yoshiharu Tsukamoto schreibt dazu in ihrem Artikel Metabolismus der Zwischenräume. Neue Typologien des Wohnens in Tokio in der Ausgabe 208 der arch+:„Wir erleben heute jedoch einen völlig anderen Metabolismus: Nicht mehr der Kern, sondern die bebaubaren Zwischenräume, sprich die einzelne Parzelle symbolisiert den Stoffwechsel der Stadt: Die Häuser stellen das Veränderliche dar. Das System basiert auf der Eigeninitiative der vielen Eigentümer, so dass Kapital und Macht völlig dezentral auf den städtischen Raum einwirken. Es handelt sich um ein sich selbst regulierendes und damit höchst nachhaltiges System. In Abgrenzung vom „Metabolismus der Kerne“ der 60er möchten wir daher unser Konzept als einen „Metabolismus der Zwischenräume“ (void metabolism) bezeichnen“ (Tsukamoto, 2012, S.31).

In meiner Dissertation möchte ich daher untersuchen, welche Bedeutung das symbiotische Denken Kisho Kurokawas für die neue japanische Avantgarde hat. In einem weiteren Schritt möchte ich mich damit auseinandersetzen, ob der Westen von diesen japanischen Ansätzen lernen kann.

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